Im SEO-Check leuchtet ein Punkt rot auf: „Word count, 91 Wörter, kritisch." Die erste Reaktion ist fast immer dieselbe. „Aber die Seite ist doch fertig, da steht alles Wichtige drauf." Und genau das ist die Falle. Eine Seite kann sich fertig anfühlen und trotzdem für Google so dünn sein, dass sie kaum eine Chance auf eine vordere Position hat. Die Wortzahl ist dabei nur das Symptom. Das eigentliche Problem heißt Thin Content, und der lässt sich beheben, sobald man verstanden hat, was Google an der Zahl eigentlich misst.
Was der Word-Count-Check wirklich zählt
Zuerst die technische Seite, weil hier die meisten Missverständnisse entstehen. Ein guter Onpage-Check zählt nicht die Zeichen im HTML, nicht den Text in der Navigation, nicht den Footer und nicht die Cookie-Banner. Er zählt die sichtbaren Wörter im Hauptinhalt der Seite, also das, was ein Leser als eigentlichen Text wahrnimmt. Bei 91 Wörtern bedeutet das: Der inhaltliche Kern der Seite passt in einen kurzen Absatz.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Eine Seite kann im Quelltext nach viel aussehen, weil Menü, Sidebar, Footer und Skripte hunderte Zeilen füllen. Für die Bewertung zählt davon nichts. Google interessiert sich für den Teil, der die Suchanfrage des Nutzers beantwortet. Wenn dieser Teil aus drei Sätzen besteht, ist die Seite dünn, egal wie aufwendig das Drumherum gebaut ist.
Der Begriff Thin Content stammt direkt aus der Google-Welt. Google beschreibt damit Seiten mit „wenig oder keinem Mehrwert" für den Nutzer. Eine Produktseite, die nur den Herstellertext kopiert. Eine Ratgeberseite, die eine Frage stellt, aber nicht beantwortet. Eine Landingpage, die eine Überschrift und einen Button hat, aber dazwischen nichts erklärt. All das fällt unter denselben Befund, und die Wortzahl ist die einfachste Art, ihn messbar zu machen.
Warum dünner Content im Ranking abstürzt
Die Logik dahinter ist nicht „mehr Text gleich besser". Sie ist subtiler. Google will die Suchanfrage des Nutzers möglichst vollständig beantworten. Wer „Lohnsteuerklasse wechseln" sucht, hat eine ganze Reihe unausgesprochener Folgefragen: Wie geht das? Welche Fristen gelten? Was kostet es? Welche Unterlagen brauche ich? Eine Seite mit 91 Wörtern kann davon vielleicht eine beantworten. Eine Seite mit 1.200 Wörtern beantwortet alle vier, und genau deshalb hält sie den Nutzer auf der Seite, statt ihn zurück zu den Suchergebnissen zu schicken.
Diese Rücksprung-Rate ist das eigentliche Signal. Wenn ein Nutzer auf dein Ergebnis klickt, nach vier Sekunden zurückspringt und das nächste Ergebnis anklickt, hat Google gelernt: Diese Seite hat die Frage nicht beantwortet. Dünner Content produziert genau dieses Verhalten, weil er den Nutzer nach dem ersten Absatz im Regen stehen lässt. Das wiederholt sich über viele Besucher, und die Position rutscht.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, den viele unterschätzen. Eine Seite mit drei Sätzen kann nur für ein einziges, sehr enges Keyword relevant sein. Eine ausführliche Seite deckt automatisch viele verwandte Suchbegriffe mit ab, ohne dass du sie bewusst einbaust. Das nennt man Keyword-Abdeckung über den Long Tail, und sie ist der Grund, warum längere Seiten in der Praxis für hunderte verschiedene Suchanfragen ranken, während die dünne Seite mit Glück für eine einzige auftaucht.
Google hat das in den letzten Jahren in eigenen Richtlinien festgehalten. In der Anleitung zu hilfreichem, verlässlichem Content steht sinngemäß die Frage, die du dir bei jeder Seite stellen solltest: Würde ein Besucher das Gefühl haben, genug erfahren zu haben, um sein Ziel zu erreichen? Bei 91 Wörtern lautet die ehrliche Antwort fast immer Nein.
Warum die Zahl trotzdem nicht das Ziel ist
Jetzt kommt der Teil, den die meisten Ratgeber falsch machen. Sie verwandeln „300 Wörter Minimum" in ein Gesetz und „mehr ist besser" in eine Religion. Beides ist Unsinn, und beides schadet.
Es gibt keine magische Wortzahl, ab der eine Seite rankt. 300 Wörter ist eine grobe Untergrenze, unter der eine Seite statistisch selten gut abschneidet, nicht eine Schwelle, die irgendetwas garantiert. Eine Seite mit 305 Wörtern voller Floskeln ist schlechter als eine mit 280 Wörtern, die präzise eine Frage beantwortet. Die Zahl ist ein Hinweis, kein Urteil.
Genauso falsch ist der umgekehrte Reflex. Eine Seite mit 3.000 Wörtern, die 800 Wörter Substanz auf das Dreifache aufbläht, rankt nicht besser, sondern oft schlechter. Der Nutzer scrollt durch Füllmaterial, findet die Antwort nicht und springt ab. Google sieht denselben schnellen Rücksprung wie bei der zu kurzen Seite. Aufgeblähter Content ist Thin Content in groß.
Der richtige Maßstab ist nicht die Wortzahl, sondern die vollständige Abdeckung des Suchintents. Die Frage lautet: Beantwortet diese Seite alles, was jemand mit dieser Suchanfrage wissen will, und kein Wort mehr? Manchmal sind das 400 Wörter, manchmal 2.500. Die Wortzahl ist nur die Spur, die verrät, ob du wahrscheinlich zu wenig gesagt hast.
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Wie viel Text dein Seitentyp wirklich braucht
Statt einer einzigen Zahl hilft eine Einordnung nach Seitentyp. Unterschiedliche Seiten haben unterschiedliche Aufgaben, und daraus ergibt sich, wie viel Text sinnvoll ist.
| Seitentyp | Realistischer Rahmen | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Blog-Ratgeber, How-to | 1.200 bis 2.500 Wörter | Frage vollständig beantworten, Folgefragen mitnehmen |
| Ratgeber zu umkämpftem Keyword | 2.000+ Wörter | mindestens so tief wie die aktuell rankenden Seiten |
| Service- oder Leistungsseite | 600 bis 1.200 Wörter | Nutzen, Ablauf, Vertrauen, Abgrenzung |
| Produktseite | 300 bis 800 Wörter | eigener Text statt Herstellertext, Anwendung, FAQ |
| Lokale Standortseite | 500 bis 900 Wörter | Ort, Leistung, Anfahrt, lokale Bezüge |
| Startseite | 400 bis 800 Wörter | Klarheit, was, für wen, warum hier |
Diese Zahlen sind Korridore, keine Ziele. Der verlässlichste Kompass ist die Konkurrenz. Schau dir an, was auf Seite eins für dein Keyword rankt, und zähle ungefähr die Wörter der Top-Ergebnisse. Wenn die Top-5 alle zwischen 1.800 und 2.400 Wörter liegen und deine Seite hat 400, weißt du, woran es liegt. Google hat für diese Suchanfrage offensichtlich entschieden, dass es Tiefe braucht.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis. Ein Steuerberater hatte für jedes Leistungsgebiet eine eigene Seite, jeweils mit etwa 120 Wörtern: eine Überschrift, ein Satz Erklärung, ein Kontaktbutton. Alle Seiten waren technisch sauber, Title und Meta-Description gesetzt. Trotzdem rankte keine. Die Konkurrenz hatte zu denselben Themen Seiten mit 1.000 bis 1.500 Wörtern, die Ablauf, Kosten, Fristen und typische Fehler erklärten. Nach dem Ausbau auf vergleichbare Tiefe stiegen drei der Seiten innerhalb von zwei Monaten auf die erste Seite. Es war kein technisches Problem, es war ein Inhaltsproblem.
Es gibt eine einfache Methode, um vor dem Schreiben zu wissen, wie tief eine Seite werden muss. Setz dich für fünf Minuten in die Rolle des Suchenden und schreib alle Fragen auf, die er rund um sein Thema hat. Beim Beispiel „Lohnsteuerklasse wechseln" wären das: Wo stelle ich den Antrag? Welche Frist gilt? Brauche ich die Zustimmung des Partners? Was ändert sich am Nettogehalt? Kann ich das rückgängig machen? Jede dieser Fragen ist ein eigener Absatz. Sechs ehrliche Fragen ergeben fast automatisch 1.000 bis 1.500 Wörter, ohne dass du ein einziges Wort strecken musst. Die Wortzahl entsteht dann als Nebenprodukt der Vollständigkeit, und genau so soll es sein. Wer mit der Frageliste startet statt mit einem Wortziel, schreibt nie zu kurz und nie aufgebläht.
Wie du dünnen Content erkennst und reparierst
Thin Content tritt selten einzeln auf. Wenn eine Seite dünn ist, sind es meist mehrere. Der erste Schritt ist deshalb eine Bestandsaufnahme über die ganze Domain, kein Blick auf eine Einzelseite. Genau das leistet ein vollständiger Onpage-Check, der dir alle Seiten unter einer Wortzahl-Grenze auflistet, statt dich raten zu lassen.
Wenn du die dünnen Seiten kennst, gibt es vier Wege, und nur einer davon ist „mehr schreiben":
Ausbauen. Die Seite behandelt das richtige Thema, sagt aber zu wenig. Hier ergänzt du die fehlenden Intent-Blöcke: die Folgefragen, das Wie, die Kosten, ein Beispiel, ein kurzer FAQ-Abschnitt. Wichtig ist, dass jeder neue Absatz eine echte Frage beantwortet, nicht den Wortzähler füttert.
Zusammenlegen. Du hast fünf magere Seiten zum selben Thema, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Statt jede einzeln aufzublähen, fasst du sie zu einer starken Seite zusammen und richtest Weiterleitungen ein. Aus fünfmal 200 Wörtern wird einmal 1.400 Wörter, und plötzlich gibt es eine Seite, die ranken kann, statt fünf, die sich kannibalisieren.
Aus dem Index nehmen. Manche dünnen Seiten sollen gar nicht ranken. Eine Danke-Seite nach dem Formular, ein internes Archiv, eine reine Funktionsseite. Solche Seiten bekommen ein noindex und verschwinden aus der Bewertung, statt den Gesamteindruck der Domain zu drücken. Eine Domain voller dünner Seiten wirkt auf Google insgesamt schwächer, auch wenn einzelne gute Seiten dabei sind.
Löschen. Wenn eine Seite weder Traffic bringt noch ein Thema abdeckt, das du brauchst, ist Löschen mit Weiterleitung oft die sauberste Lösung. Weniger, aber bessere Seiten schlagen viele schwache fast immer.
Welcher Weg richtig ist, verrät dir der Blick in die Search-Console-Daten. Eine Seite, die Impressionen sammelt, aber wenig Klicks bekommt, weil sie auf Position 14 hängt, ist ein klarer Ausbau-Kandidat. Eine Seite ohne jede Impression über Monate ist eher ein Lösch- oder Zusammenlege-Fall.
Die häufigsten Fehler beim Reparieren
Wenn Leute hören, dass die Wortzahl zu niedrig ist, machen sie oft genau das Falsche. Drei Muster sehe ich immer wieder.
Das erste ist das Keyword-Stuffing in Verkleidung. Statt echte Inhalte zu ergänzen, wird derselbe Suchbegriff in zwanzig Varianten wiederholt, bis die Wortzahl stimmt. Google erkennt das seit Jahren zuverlässig, und es schadet mehr als die ursprünglich kurze Seite. Wortzahl ohne Substanz ist kein Fortschritt.
Das zweite ist der kopierte Boilerplate. Eine Standortseite wird auf 800 Wörter gebracht, indem auf jeder Stadtseite derselbe Textblock steht, nur die Ortsangabe wechselt. Das löst das Wortzahl-Problem und schafft ein neues: doppelten Content über viele Seiten. Wer das im Detail vermeiden will, sollte sich neben der Länge auch Title und Meta-Description ansehen, denn die sind bei solchen Template-Seiten genauso oft identisch.
Das dritte ist das KI-Aufblähen. Ein kurzer Text wird durch ein Sprachmodell auf das Dreifache gestreckt, voller Übergangssätze und Allgemeinplätze. Das Ergebnis erfüllt die Wortzahl und sagt trotzdem nichts. Google hat seine Richtlinien gegen skalierten Content-Missbrauch genau darauf ausgerichtet. Es geht nie um die Menge, sondern um den Wert pro Wort.
Quick-FAQ
Gibt es eine Mindestwortzahl, ab der Google rankt? Nein. 300 Wörter ist eine grobe Untergrenze, unter der gute Platzierungen selten sind, keine Garantie ab der etwas passiert. Entscheidend ist die vollständige Abdeckung der Suchanfrage, nicht das Erreichen einer Zahl.
Kann eine Seite zu lang sein? Ja, wenn die Länge aus Füllmaterial besteht. Eine Seite, die ihre Antwort in 600 Wörtern gibt und auf 2.000 gestreckt wird, rankt schlechter, nicht besser. Lang sein ist erlaubt, aufgebläht sein nicht.
Zählt der Text im Footer oder in der Sidebar mit? Für einen guten Check nicht. Gemessen wird der Hauptinhalt, also der Teil, der die Suchanfrage beantwortet. Navigations- und Footer-Text bleibt außen vor.
Mein Shop hat 800 Produktseiten mit kurzem Text. Müssen alle 800 Wörter haben? Nein. Produktseiten dürfen kürzer sein, wenn der Text eigen ist und Anwendung sowie häufige Fragen abdeckt. Kritisch wird es erst, wenn alle Seiten denselben Herstellertext kopieren. Dann ist nicht die Länge das Problem, sondern die Einzigartigkeit.
Wie schnell wirkt sich eine Verlängerung aus? In der Regel über Wochen, nicht Tage. Google muss die Seite neu crawlen, neu bewerten und das veränderte Nutzerverhalten registrieren. Zwei bis acht Wochen sind ein realistischer Rahmen, abhängig davon, wie oft deine Seite gecrawlt wird.
Auf einen Blick
Die Wortzahl ist ein Frühwarnsignal, kein Ziel. 91 Wörter bedeuten fast immer, dass eine Seite die Suchanfrage nicht vollständig beantwortet, und genau das kostet Rankings. Die Lösung ist nie „irgendwie auf 300 kommen", sondern den Suchintent vollständig zu bedienen: alle echten Folgefragen beantworten, kein Wort Füllmaterial, und dünne Seiten lieber zusammenlegen oder löschen als künstlich strecken. Wer so vorgeht, löst nicht den Check, sondern das Problem dahinter. Genau diese Summe sauber gelöster Details entscheidet am Ende über die Sichtbarkeit deiner Seite bei Google.