Wer ein paar Stunden in SEO-Tools verbringt, kommt am Begriff Sichtbarkeitsindex nicht vorbei. Sistrix nennt ihn so, Ahrefs heißt er Domain Rating, XOVI sagt OVI, Semrush spricht von Authority Score. Jeder Anbieter verkauft seine eigene Zahl als das wichtigste KPI im SEO. Hinter den Marketing-Namen steckt aber überall dieselbe Mathematik. Und die kannst du selbst rechnen, ohne 119 Euro im Monat zu zahlen.
In diesem Beitrag erkläre ich, wie der Google-Sichtbarkeitsindex tatsächlich berechnet wird, warum die Tool-Zahlen so weit auseinander gehen können, und wie du dir mit der Google Search Console und einer Tabelle deinen eigenen Score baust, der deine Domain ehrlich beschreibt.
Was ist der Sichtbarkeitsindex eigentlich?
Der Sichtbarkeitsindex ist eine Modell-Zahl. Sie sagt nicht direkt, wie viele Besucher du bekommst. Sie sagt, wie präsent deine Domain in den Google-Ergebnissen für ein definiertes Keyword-Set ist. Je höher die Zahl, desto mehr potenzielle Klicks könntest du theoretisch abgreifen, wenn der durchschnittliche Nutzer normal klickt.
Die Logik ist immer dieselbe, egal welches Tool. Drei Eingaben gehen rein:
- Position deiner Domain für jedes Keyword (1 bis 100, oder „nicht gerankt")
- Suchvolumen für jedes Keyword (wie oft im Monat gesucht)
- Erwartete Klickrate für die jeweilige Position (CTR-Kurve)
Diese drei Zahlen werden pro Keyword multipliziert, alle Ergebnisse summiert, und das Ganze gegen ein Maximum normiert. Heraus kommt eine Zahl, die viele Tools auf den Bereich 0 bis 100 skalieren, andere bilden eine Index-Zahl wie 0,12 oder 5,8 ab. Das ist nur Skalierung. Die Information dahinter ist identisch.
Die Formel, die kein SEO-Tool gern offen ausspricht
Sinngemäß:
Sichtbarkeit = Σ (Suchvolumen × CTR(Position)) / Σ (Suchvolumen × CTR(1))
Im Zähler steht: für jedes Keyword multiplizieren wir das Suchvolumen mit der Klickrate, die zu deiner Position gehört. Über alle Keywords aufsummieren. Im Nenner steht dieselbe Summe, aber so, als ob du jedes Keyword auf Position 1 hättest (also maximal mögliche Klicks). Das Verhältnis ist deine Sichtbarkeit.
Beispiel mit zwei Keywords:
- „fliesen berlin": Volumen 2.400, du stehst auf Pos 3, CTR(3) = ~10 % → 240 erwartete Klicks
- „badsanierung kosten": Volumen 1.300, du stehst auf Pos 7, CTR(7) = ~3,5 % → 46 erwartete Klicks
- Summe: 286 erwartete Klicks
- Maximum (alles Pos 1): 2.400 × 28 % + 1.300 × 28 % = 1.036 Klicks
- Sichtbarkeit: 286 / 1.036 = 0,276 oder skaliert 27,6 / 100
Das ist die Mathematik. Mehr Magie steckt nicht dahinter. Wer den Begriff entzaubern will, kann genau hier ansetzen. Die Wikipedia-Seite zu Search Engine Optimization erklärt das Konzept aus der wissenschaftlichen Sicht ohne Marketing-Spin.
Warum die Tool-Werte trotzdem auseinandergehen
Wenn die Formel überall gleich ist, warum zeigt Sistrix dann 0,18 und Ahrefs 4,2 für dieselbe Domain? Drei Gründe.
Unterschiedliche Keyword-Pools. Sistrix trackt etwa eine Million deutsche Keywords. Semrush mehr, Ahrefs auch. XOVI weniger. Wenn du als deutsche Handwerker-Domain in 200 langen Suchphrasen rankst, die Sistrix nicht im Set hat, dann bist du dort unsichtbar. In einem anderen Tool, das gerade diese Long-Tails kennt, sieht es viel besser aus.
Unterschiedliche CTR-Kurven. Manche Tools nutzen die berühmte Sistrix-CTR-Tabelle aus 2014. Andere haben aktualisierte Werte aus Search-Console-Aggregaten. Wieder andere modellieren mit theoretischen Annahmen. Position 1 schwankt zwischen 25 und 35 Prozent CTR, Position 10 zwischen 1,5 und 4 Prozent. Diese Unterschiede potenzieren sich über tausende Keywords.
Unterschiedliche Suchvolumen-Daten. Google selbst gibt Suchvolumen nur grob raus (im Keyword Planner als Spannen). Jedes Tool baut daraus seine eigenen Schätzwerte mit eigenen Modellen und Clickstream-Daten. Für „fliesen berlin" kann Sistrix 1.900, Ahrefs 2.400, XOVI 1.500 melden. Drei verschiedene Werte für dieselbe reale Suche.
In Summe: drei Tools, dieselbe Formel, drei verschiedene Zahlen. Beide korrelieren grob mit der Wahrheit, aber keine ist „richtig". Wer also Sistrix-Index 0,18 mit Ahrefs Domain Rating 32 vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Was zählt, ist die Veränderung innerhalb desselben Tools über die Zeit.
Die CTR-Kurve im Detail
Die Klickrate ist die Komponente, die fast jedes SEO-Tool selbst geheim hält. Hier ist eine Annäherung, die aus aggregierten Search-Console-Studien stammt und im DACH-Markt für die meisten Branchen passt:
| Position | Realistische CTR |
|---|---|
| 1 | 25 - 35 % |
| 2 | 15 - 20 % |
| 3 | 10 - 14 % |
| 4 - 5 | 5 - 8 % |
| 6 - 10 | 2 - 5 % |
| 11 - 20 | 1 - 2 % |
| 21+ | unter 1 % |
Die Zahlen schwanken stark nach Branche und SERP-Typ. Eine reine Information-Suche wie „was ist seo" hat höhere CTRs auf Position 1, weil keine Ads stören. Eine kommerzielle Suche wie „bürostuhl kaufen" hat niedrigere organische CTRs, weil Google Shopping-Ads und Sponsored Listings den ersten Schirm füllen.
Für deine Hausaufgabe reicht die obige Spalte als Schätzwert. Wer es genauer will, zieht aus seiner eigenen Search Console die historische CTR pro Position für die wichtigsten Queries ab und nutzt diese individuellen Werte.
Eigene Sichtbarkeit messen: Den ganzen Spaß kannst du auch automatisiert haben. Der kostenlose Sichtbarkeitsindex unter yourseo.app/sichtbarkeit misst für 3 bis 5 Keywords deine reale Google-Position, holt sich das Suchvolumen aus echten SERP-Daten und liefert dir die fertige Zahl plus den geschätzten Monats-Traffic. Eine Domain pro Jahr kostenlos.
In 30 Minuten zu deinem eigenen Sichtbarkeitsindex
Wer es manuell rechnen will, braucht nur drei Tools: Google Search Console, eine Tabellenkalkulation und etwa eine halbe Stunde Zeit. Schritt für Schritt.
Schritt 1: Keyword-Set festlegen. Welche 10 bis 30 Keywords beschreiben dein Geschäft? Das sind die Suchen, die echten Umsatz bringen. Nicht „SEO", sondern „SEO Agentur Köln" oder „bürostuhl ergonomisch günstig". Long-Tail mit Kaufabsicht zählt mehr als generische Massen-Keywords.
Schritt 2: Aktuelle Positionen aus Search Console ziehen. Im Performance-Report von GSC kannst du pro Query die durchschnittliche Position der letzten 28 Tage abrufen. Wer nicht rankt, bekommt eine 0 oder „nicht im Index" für die Rechnung.
Schritt 3: Suchvolumen schätzen. Google Keyword Planner liefert grobe Spannen kostenlos. Genauer wird's mit dem Search-Volumen aus dem yourseo-Audit, der DataForSEO-Werte zieht. Wer hier kein Budget hat: nimm die Mitte der Keyword-Planner-Spanne.
Schritt 4: CTR pro Position einsetzen. Tabelle aus dem Abschnitt oben benutzen. Position 1 = 30 %, Position 3 = 12 %, Position 7 = 3,5 %, alles ab 21 = 0,5 %.
Schritt 5: Spalte „erwartete Klicks" berechnen. Volumen × CTR / 100. Bei „fliesen berlin": 2.400 × 12 / 100 = 288.
Schritt 6: Spalte „Maximum-Klicks" berechnen. Volumen × 30 / 100. Bei „fliesen berlin": 2.400 × 0,3 = 720.
Schritt 7: Summen bilden und teilen. Erwartete Klicks dividiert durch Maximum-Klicks ergibt deinen Sichtbarkeitsindex. Mal 100 für eine schöne Zahl.
Beispiel-Endergebnis: 1.870 erwartete Klicks / 6.300 Maximum-Klicks = 0,297. Sichtbarkeitsindex 29,7 / 100.
Was dein eigener Score dir verrät
Eine selbst gerechnete Sichtbarkeit ist ehrlicher als jeder Tool-Wert, weil sie nur die Keywords gewichtet, die für dich Umsatz bedeuten. Du siehst:
Welche Keywords den Score wirklich tragen. Ein einziges Keyword mit 5.000 Volumen auf Position 2 schlägt 30 Long-Tails mit 80 Volumen auf Position 8. Die Sortierung nach „erwartete Klicks" zeigt dir genau, wo dein SEO-Wert herkommt.
Wo der billigste Hebel liegt. Ein Keyword auf Position 8 mit 1.000 Volumen bringt bei CTR ~3 % heute 30 Klicks. Auf Position 4 mit CTR ~7 % wären es 70 Klicks. Doppelter Traffic ohne neue Inhalte, nur durch 4 Positionen Aufstieg. Das ist die Art Rechnung, die in den meisten SEO-Reports fehlt.
Wo du Zeit verschwendest. Keywords auf Position 28 mit 200 Volumen tragen bei realistischer CTR von 0,3 % weniger als einen Klick im Monat bei. Wer dort tunet, optimiert für homöopathische Effekte. Erst auf Page 1 zählt das wieder.
Die strategische Konsequenz: Investiere in Inhalte, die ein Keyword von Position 8 auf Position 3 hieven, nicht in zehn neue Long-Tail-Pages, die irgendwo zwischen 30 und 50 landen. Der Visibility-Index als Selbst-Rechnung macht diese Hebelei sichtbar.
Was Sistrix anders macht
Der Sistrix-Sichtbarkeitsindex hat sich im DACH-Markt als Standard etabliert, weil er seit 2008 konstant nach derselben Methodik gemessen wird. Das ist sein größter Wert: die historische Vergleichbarkeit. Wenn deine Domain bei Sistrix 2018 auf 0,42 stand und heute auf 0,28, dann hast du strukturell Boden verloren. Das ist ein verlässliches Signal, das niemand selbst rekonstruieren kann.
Der Preis dafür ist hoch. Sistrix kostet 119 Euro im Monat für das Basis-Modul. Alle anderen Daten (Backlinks, Ads, Content) sind Aufpreis. Wer nur den Sichtbarkeitsindex will, zahlt 1.428 Euro im Jahr für eine einzige Zahl.
Für kleine und mittelgroße Webseiten ist das selten gerechtfertigt. Sinnvoller: einen eigenen Index nach obiger Formel rechnen, dazu wöchentliche Tool-Messung mit einem günstigeren Anbieter oder dem yourseo-Sichtbarkeitscheck, und einmal im Jahr eine externe Validierung mit einem Sistrix-Probe-Account, um die historische Linie nicht zu verlieren. Mehr braucht es nicht.
Wann der Sichtbarkeitsindex irreführend ist
Vier Situationen, in denen die Zahl täuscht.
Brand-Suchen verzerren stark. Wer für seinen eigenen Markennamen rankt, zieht den Score nach oben, ohne dass das echtes SEO ist. Sistrix filtert Brand-Suchen teilweise raus, andere Tools nicht. Wer 30 Prozent seines Index aus „meinefirma.de" zieht, hat keinen SEO-Wert, sondern Marken-Erkennung.
Branded Search Volume schwankt mit der Saison. Wenn deine Firma in Q4 in einem Magazin erwähnt wurde, schießen die Brand-Suchen für drei Wochen hoch. Dein Index steigt, ohne dass du irgendwas SEO-mäßig getan hast. Nach drei Wochen fällt er wieder. Beides ist Rauschen, kein Signal.
Neue Tool-Updates an der Keyword-Universe verändern Zahlen. Wenn dein Tool plötzlich 50.000 neue Long-Tail-Keywords mit Volumen aufnimmt, in denen du nirgendwo rankst, sinkt dein Index sofort um 5-10 Prozent. Das ist eine Methodik-Änderung, kein Trafficverlust. Vor jeder Index-Diskussion immer prüfen, ob das Tool ein Update hatte.
Core Updates verschieben CTRs. Wenn Google AI Overviews ausspielt, sinkt die organische CTR auf Position 1 vielleicht von 28 auf 18 Prozent. Mit alten CTR-Tabellen rechnen Tools zu hoch. Wer einen aktuellen Index will, sollte CTR-Werte aus 2024 oder neuer benutzen, nicht aus 2014.
Was du sonst noch messen solltest
Der Sichtbarkeitsindex ist ein Trend-Indikator, nicht das Endergebnis. Wer wirklich verstehen will, ob seine SEO funktioniert, schaut zusätzlich auf drei harte Zahlen aus der Realität.
Klicks aus Search Console. Die echten Klicks, die Google deinen URLs gibt. Das ist die einzige nicht-modellierte Zahl, und sie zählt. Search Console richtig lesen ist die Pflicht-Lektüre dazu.
Conversion-Rate aus deinem Analytics. Klicks ohne Conversions bringen keinen Umsatz. Was du wirklich messen willst, ist Sichtbarkeit × CTR × Conversion-Rate × Warenkorb-Wert.
Rankings für deine wichtigsten 10 Keywords. Ein granularer Blick. Der Sichtbarkeitsindex ist die Aggregat-Sicht, einzelne Keyword-Positionen sind das Cockpit. Beide ergänzen sich.
Wenn du diese drei Metriken neben deinem selbst-berechneten Index laufen lässt, hast du ein vollständiges Bild. Tool-Sichtbarkeit, eigene Sichtbarkeit, echter Traffic, echte Umsätze. Mehr Daten braucht keine kleine oder mittelgroße Webseite, um SEO ehrlich zu steuern. Vier Zahlen, die du in einer Tabelle sammelst und einmal im Monat anschaust, schlagen jedes Dashboard, das zwanzig Charts zeigt und am Ende keine Entscheidung erlaubt.
Wie oft solltest du deinen Index neu berechnen?
Eine pragmatische Frequenz für die Selbst-Rechnung. Monatlich reicht für die meisten KMU-Seiten. Wer öfter rechnet, sieht hauptsächlich Rauschen. SEO-Effekte brauchen typischerweise vier bis acht Wochen bis sie sich in den Positionen manifestieren, und Google rotiert die Top-Ergebnisse oft wochenweise nach internen Update-Zyklen.
Wer zweimal pro Quartal rechnet, sieht den Trend ohne in der Tages-Volatilität zu ertrinken. Direkt nach einem Core Update (typischerweise drei bis fünf pro Jahr) lohnt eine Sonder-Rechnung, um zu sehen, ob die Domain mehr oder weniger Boden bekommen hat. Das sind insgesamt sechs bis acht Rechnungen pro Jahr, plus den Tool-Vergleich. Mehr braucht es nicht.
Eine Alternative für Local-SEO-Fokus
Für lokale Unternehmen mit reinem Maps-Fokus ist der klassische Sichtbarkeitsindex nicht ideal. Hier zählt nicht die Position für ein Keyword über ganz Deutschland, sondern wie weit oben du in den lokalen Map-Pack-Ergebnissen für die relevanten Suchbegriffe erscheinst, gemessen an verschiedenen geografischen Punkten in deiner Stadt.
Diese Geo-Grid-Messung läuft anders. Statt eine Position pro Keyword zu mitteln, misst du 25 oder 49 Punkte in einem 5×5- oder 7×7-Grid um deinen Standort. Aus den Positionen pro Grid-Punkt entsteht ein Heatmap-Score, der dir zeigt, in welchen Stadtteilen du gut sichtbar bist und wo du in Maps versagst. Das ist der eigentliche Local-Sichtbarkeits-Index, und er hat mit dem klassischen Sistrix-Wert wenig zu tun.
Wer beides braucht, sollte beide Disziplinen sauber trennen: klassischer Sichtbarkeitsindex für organische Google-Rankings, Geo-Grid für Maps-Sichtbarkeit. Mischen führt zu unklaren Reports und falschen Schlussfolgerungen.
Zusammenfassung in einem Absatz
Der Google-Sichtbarkeitsindex ist eine Modellzahl aus Position × Suchvolumen × CTR, normiert auf Maximum-Klicks. Jedes Tool nutzt dieselbe Formel mit anderen Eingaben, was die Werte zwischen den Anbietern unvergleichbar macht. Wer Geld sparen will, rechnet seinen eigenen Index in einer Tabelle, mit Search-Console-Positionen und einer CTR-Tabelle. Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Rechnung ist nicht die Endzahl, sondern welche Keywords sie tragen. Wer hier sortiert und investiert, macht aus SEO ein steuerbares System statt einer Beobachtungs-Disziplin.